Fachkräftemangel oder Filterversagen?

10 Min. Lesezeit

Warum die Suche oft am Markt vorbeiläuft

15.06.2026, Von Stephan Schwab

Über Software-Entwicklung wird in den meisten Unternehmen von Menschen entschieden, die selbst nie programmiert haben. Das ist nicht ehrenrührig. Aber es führt dazu, dass Software-Arbeit nach denselben Mustern eingekauft wird wie Tätigkeiten, mit denen sie wenig zu tun hat. Wenn die Suche dann scheitert, klingt der Befund vom Fachkräftemangel überzeugend. Häufig geht es jedoch um etwas anderes: Das Suchraster passt nicht zu der Art von Arbeit, die tatsächlich gebraucht wird.

Fachkräftemangel oder Filterversagen?

Lebenslauf und Expertenprofil sind nicht dasselbe

Ein klassischer Lebenslauf erzählt eine Karriere als Angestellter. Ein Expertenprofil erzählt, welche Probleme jemand schon gelöst hat. Beides klingt ähnlich, ist aber etwas anderes.

Eine Unterscheidung, die in HR-Prozessen oft untergeht: Der klassische Lebenslauf ist ein Format aus der Welt der Angestelltenkarriere. Er zeigt eine Folge von Stationen mit Titeln, Arbeitgebern und Zeiträumen. Er ist optimiert dafür, die Frage zu beantworten: Wo war diese Person bisher angestellt?

Bei vielen wirklich starken Spezialisten in der Software-Entwicklung ist dieses Format schlicht nicht passend. Sie sind keine Angestellten, sondern selbstständige Berater oder Inhaber kleiner Beratungsfirmen. Sie pflegen oft gar keinen klassischen Lebenslauf. Was sie haben, ist ein Expertenprofil: eine Beschreibung dessen, welche Klassen von Problemen sie schon gelöst haben, in welchen Umfeldern sie wirksam waren, welche Methoden sie beherrschen und wofür sie typischerweise gerufen werden.

Das ist eine andere Art von Dokument. Ein Lebenslauf antwortet auf “Wo waren Sie?”. Ein Expertenprofil antwortet auf “Wofür holt man Sie?”. Wenn ein HR-Prozess das eine erwartet und das andere nicht versteht, fallen genau die Leute heraus, die man eigentlich am dringendsten bräuchte.

Auch Profile großer Vermittler bleiben Lebensläufe

Wer einmal angefordert hat, was die großen deutschen Personaldienstleister als Profil verschicken, wird das wiedererkennen. Die Dokumente sind formal sauber, oft mehrere Seiten lang, in der deutschen Tradition manchmal sogar bis zur Schule zurück. In den USA wird stärker gerafft, häufig auf die letzten drei bis fünf Jahre. Das Grundprinzip bleibt aber dasselbe: ein chronologischer Lebenslauf, ergänzt um eine Liste technischer Schlagworte. Selbst die für Freelancer übliche Variante mit Projektliste ändert daran wenig.

Hinzu kommt eine Eigenheit echter Beratungsarbeit. Erfahrene Berater sind ihren Kunden gegenüber häufig zur Vertraulichkeit verpflichtet. Sie haben NDAs unterschrieben und dürfen weder den Kunden nennen noch im Detail beschreiben, was sie dort vorgefunden haben. In einem Lebenslauf-Format wirkt ihr Profil dadurch zwangsläufig dünn. Wer am meisten Heikles gesehen hat, kann am wenigsten davon aufschreiben. Ein Format, das Glaubwürdigkeit über Kundenlogos und Projektüberschriften herstellt, sortiert genau diese Leute heraus.

Das eigentliche Problem ist methodischer Natur. Ein Lebenslauf zeigt fast ausschließlich Oberflächenmerkmale: Firmen, Branchen, Frameworks, Versionen. Was er nicht zeigt, ist die Frage, die für ein schwieriges Vorhaben tatsächlich entscheidet: Wie denkt diese Person, wenn ein System sich unerwartet verhält? Ein gutes Gespräch über ein konkretes Problem klärt das in dreißig Minuten. Ein Lebenslauf klärt es nie.

Der Kanal, in dem Expertise sichtbar würde, ist verschlossen

Genau hier liegt der zweite, oft übersehene Konstruktionsfehler. Selbst wenn ein Profil andeutet, dass jemand interessant sein könnte, gibt es im Vermittlungsweg keinen Ort, an dem diese Person und der Kunde miteinander sprechen, bevor sie ausgewählt wird. Auf Anbieterseite redet ein Account Manager mit Einkauf, HR und manchmal mit der Fachseite. Auf der anderen Seite sucht ein Recruiter aus der eigenen Datenbank passende “Talente” zur Anforderung. Der Experte selbst kommt in dieser Kette nicht vor.

Damit fehlt genau das Gespräch, das echte Beratung erst auslöst. Ein erfahrener Spezialist hört sich ein Problem zehn Minuten an und sagt oft schon: Das ist gar nicht das Problem, das Sie beschreiben. Oder: Hier brauchen Sie nicht meine Tiefe. Oder: Bevor wir über Personen reden, sollten wir über die Architekturentscheidung von vor zwei Jahren reden. Diese Vorklärung ist der eigentliche Mehrwert eines Beraters und der Punkt, an dem ein Kunde merkt, ob Substanz da ist.

Im Vermittlungsmodell ist dieser Kanal geschlossen. Der Account Manager ist vertrieblich geschult, nicht fachlich, und hat weder Mandat noch Tiefe, eine Anforderung infrage zu stellen. Der Recruiter sucht nach Schlagwort-Treffern im eigenen Pool. Der Spezialist sitzt am Ende der Kette und bekommt eine Stellenbeschreibung vorgelegt, zu der er Ja oder Nein sagen darf.

Das Modell ist nicht zufällig so gebaut. Es ist so gebaut, weil es Skalierung und Austauschbarkeit erlaubt. Aus Sicht des Vermittlers ist das vernünftig. Aus Sicht eines Kunden, der wirklich Hilfe für ein schwieriges Problem braucht, ist es ein strukturelles Hindernis: Es gibt keinen Schritt, in dem der erfahrene Mensch und das tatsächliche Problem aufeinandertreffen, bevor entschieden wird. Was dann eingekauft wird, ist nicht Expertise, sondern eine Person, die zu einer Beschreibung passt, von der niemand mehr prüft, ob sie das richtige Problem beschreibt.

Mit KI zählt Stack-Treue noch weniger

Diese Schwäche wird durch KI nicht gelindert, sondern entlarvt. Solange das Einarbeiten in einen fremden Stack mühsam war, hatte die Werkzeug-Identität auf dem Papier wenigstens eine schwache Schutzfunktion. Heute ist das anders. Wer dreißig oder vierzig Jahre Systeme entworfen hat, ist mit KI-Unterstützung in einem unbekannten Stack innerhalb weniger Tage produktiv. Ob das C#, Java, Python, Go, Rust oder TypeScript ist, spielt für diese Tiefe eine kleinere Rolle, als ein Anforderungsprofil suggeriert. Die KI übernimmt Syntax, Idiome und Bibliotheksdetails. Was sie nicht übernimmt, ist die Frage, ob ein Entwurf trägt, wo Risiken liegen und wie man eine bestehende Codebasis ohne Schaden umbaut. Genau dafür kauft man teure Expertise ein. Eine Liste konkreter Frameworks wird als Filterkriterium damit immer schwächer; Belege für Urteilskraft werden wichtiger.

Die Produktivitätsseite ist inzwischen mehr als bloße Tool-Euphorie. GitHub berichtet aus einem kontrollierten Experiment, dass Entwickler mit Copilot definierte Aufgaben signifikant schneller abschlossen, vor allem durch weniger repetitive Arbeit und geringere kognitive Last. Der Stanford AI Index 2025 bestätigt den Trend einer breiteren Adoption. GitHub Research, Stanford HAI, AI Index 2025. Vertieft in KI hebt die Tipparbeit weg, nicht das Systemdenken und sie verschiebt die Arbeit nach oben.

Wie das Suchraster den Markt schrumpfen lässt

Je enger das Anforderungsprofil, desto kleiner der Kandidatenkreis – und desto eher bekommen Sie jemanden, der zur Ausschreibung passt, aber nicht zu Ihrem eigentlichen Problem.

Wenn aus diesen Mustern eine konkrete Anforderung wird, sieht das meistens so aus: Gesucht wird ein Senior für Java 17, Spring Boot, Angular, Oracle, Kafka, Kubernetes, Jira, Confluence, reguliertes Umfeld, deutschsprachige Fachabteilung, idealerweise Maschinenbau oder Versicherung, mindestens zehn Jahre exakt passende Projekterfahrung, sofort einsetzbar, bitte keine längere Einarbeitung.

Das ist nachvollziehbar. Wer ein laufendes System verantwortet, will Risiken begrenzen, und die Versuchung liegt nahe, jedes einzelne Risiko durch ein weiteres Muss-Kriterium abzusichern. In der Summe entsteht daraus aber ein Profil, das nicht mehr nach Kompetenz filtert, sondern nach Reibungsfreiheit für das bestehende System. Plötzlich brauchen Sie jemanden, der nicht nur entwickeln kann, sondern bereits in Ihrer Branche sozialisiert wurde, Ihre Begriffswelt kennt und möglichst keine Fragen stellt, die unbequem wären.

Besonders deutlich wird die Schieflage bei den wirklich starken Leuten. Erfahrene Spezialisten arbeiten in der Software-Entwicklung selten lange am selben Ort. Sie werden in schwierige Situationen gerufen, ordnen dort etwas Konkretes, und sind nach sechs oder zwölf Monaten wieder an der nächsten Herausforderung. Aus deutscher Personalperspektive sieht ein solcher Lebenslauf unruhig aus, fast unzuverlässig. Tatsächlich ist genau das Muster ein starkes Qualitätssignal: Jemand wird wiederholt geholt, weil er etwas kann, was intern fehlt – und liefert es schnell genug, um wieder gehen zu können. Wer dauerhaft am selben Platz bleibt, hat das vielleicht nie tun müssen.

Die Harvard Business School beschreibt in Hidden Workers: Untapped Talent, dass viele Hiring-Prozesse genau so funktionieren: Sie sind darauf optimiert, effizient den vermeintlich perfekten Kandidaten zu finden, und schließen dabei qualifizierte Menschen systematisch aus.

Viele Entscheider werden hier einwenden, dass ihre Situation wirklich komplex sei und tiefe Expertise erfordere. Das stimmt oft sogar. Es lohnt sich aber, einen Moment darüber nachzudenken, wie Expertise in der Software-Entwicklung tatsächlich aussieht. Wer seit Jahren dieselbe CNC-Maschine mit all ihren Macken bedient, hat eine Kompetenz, die sich an dieser einen Maschine bewährt hat und sich schwer übertragen lässt. Bei Software ist es eher umgekehrt. Die tiefste Expertise zeigt sich nicht darin, dass jemand genau Ihr spezielles System schon einmal gesehen hat. Sie zeigt sich darin, dass jemand verstanden hat, wie komplexe Systeme grundsätzlich funktionieren, wo sie typischerweise brechen und wie man Risiken erkennt, bevor sie teuer werden. Genau diese Fähigkeit ist übertragbar. Und genau sie taucht in den meisten Anforderungsprofilen nicht auf.

Der Markt ist tatsächlich eng. Die Bundesagentur für Arbeit weist in ihren Fachkräftebedarfsdaten weiterhin lange Vakanzzeiten und regionale Engpasssignale aus. Diese Knappheit ist real. Aber sie wird durch überenge Filter unnötig verschärft. Ein ohnehin knapper Markt wird noch knapper, wenn jedes Anforderungsprofil nur den einen perfekten Lebenslauf akzeptiert. Bundesagentur für Arbeit, Fachkräftebedarf

Personalverleih verstärkt den Irrtum

Sobald die Suche über Rollenprofile, Tagessätze und Austauschbarkeit organisiert wird, gewinnt Vergleichbarkeit. Nicht Wirkung.

Personalverleih wirkt auf Entscheider oft angenehm kontrollierbar. Ein Bedarf wird beschrieben, ein Profil bestellt, ein Anbieter liefert Kandidaten. Einkauf, HR und Linienverantwortung können die Kette sauber dokumentieren.

Gerade im deutschen Markt kommt ein begrifflicher Irrtum dazu. Viele Entscheider hören in diesem Modell so etwas wie Spezialistenvermittlung oder Expertenzugang. Praktisch eingekauft wird aber oft etwas viel Nüchterneres: zusätzliche Arbeitskapazität auf Zeit, organisiert über Tagessätze und Austauschbarkeit. Nicht jedes Modell ist juristisch Arbeitnehmerüberlassung, aber viele liegen organisatorisch näher daran, als die Hochglanzsprache der Branche zugibt. In anderen Bereichen würde man schneller Zeitarbeit sagen; in der IT wird derselbe Mechanismus sprachlich aufgewertet.

Man sieht das schon auf den Websites der großen Personaldienstleister. Arbeitnehmerüberlassung, Contracting, Festanstellung und Freelancer-Einsatz werden sauber als getrennte Leistungen dargestellt – auch, um unterschiedliche Zielgruppen nicht zu verschrecken. Auf Kundenseite laufen die Modelle in der Praxis aber wieder zusammen: gesucht wird jemand auf Zeit, schnell einsetzbar, möglichst ohne politisches Gewicht. Das ist als Beschaffungsmodell verständlich. Es ist nur etwas anderes als der Einkauf echter Spezialexpertise.

Die Grauzone reicht weit. Manche Freiberufler arbeiten jahrelang fast ausschließlich für denselben Kunden und erfüllen Funktionen, die eher nach dauerhafter Teamverstärkung aussehen als nach klar abgegrenzter externer Expertise. Dazu kommt das Scheinselbständigkeitsrisiko: Die Deutsche Rentenversicherung beschreibt in ihrem Statusfeststellungsverfahren, wie rechtsverbindlich geklärt wird, ob jemand selbstständig tätig oder abhängig beschäftigt ist. Auf ihrer Seite zum Herrenberg-Urteil formuliert die DRV offen, dass Unsicherheiten vor allem in Rand- und Graubereichen auftreten – und gerade dann, wenn der entstehende Status von einem oder beiden Beteiligten nicht gewollt ist. Diese Unsicherheit drängt den Markt weg von klarer externer Spezialarbeit und hin zu Konstruktionen, die abhängige Beschäftigung organisatorisch absichern. Deshalb ist Personalverleih in der deutschen IT heute viel normaler, als es einer Branche guttun sollte, die auf Urteil und fachliche Autonomie angewiesen ist. DRV: Das Statusfeststellungsverfahren, DRV: Wissenswertes zum Herrenberg-Urteil

Die wichtigste Frage verschwindet dabei: Macht diese Person Ihr Team in drei Monaten stärker als heute? Oder geht es vor allem darum, einen Bedarf möglichst geräuschlos abzudecken?

Die eigentliche Managementfrage

Wollen Sie wirklich Stärke einkaufen oder nur das Risiko vermeiden, jemandem Erklärungszeit geben zu müssen?

Der Satz vom Fachkräftemangel klingt nach einem Problem, das von außen kommt. Manchmal stimmt das. Aber oft liegt ein Teil der Ursache in der eigenen Organisation: Rollenentwürfe ohne technische Autorität, HR-Filter, die Kompetenz nur über formale Gleichheit erkennen, keine eingeplante Einarbeitung. Das sind keine Fehler aus böser Absicht. Es sind Gewohnheiten, die sich über Jahre aufgebaut haben und die selten jemand in Frage stellt.

Hinter dem Wunsch nach dem perfekt passenden Profil steckt meistens ein nachvollziehbares Bedürfnis: das Risiko senken, schnell Wirkung sehen, den laufenden Betrieb nicht gefährden. Nur führt genau dieses Bedürfnis dazu, dass die stärkeren Leute durch das Raster fallen, weil sie nicht in eine enge Schablone passen. Und die, die perfekt passen, sind nicht immer die, die beim nächsten echten Problem helfen.

Wenn Sie bessere Leute wollen, müssen Sie anders suchen:

  1. Reduzieren Sie Muss-Kriterien brutal. Was ist wirklich unverzichtbar, und was ist nur Gewohnheit mit Anzug?
  2. Bewerten Sie Systemverständnis höher als Schlagwort-Treffer.
  3. Planen Sie Einarbeitung als normale Investition ein.
  4. Geben Sie technischer Führung ein echtes Vetorecht gegen HR- und Einkaufslogik.
  5. Prüfen Sie ehrlich, ob Sie überhaupt Personalverleih brauchen. Vielleicht brauchen Sie eine feste Verstärkung oder eingebettete Senior-Hilfe, die Wissen hinterlässt statt nur Stunden zu füllen.

Wenn Sie stattdessen nach Entwicklern suchen, die Systeme verstehen, schnell lernen, sauber arbeiten und mit KI zusätzlichen Hebel gewinnen, vergrößert sich der Markt plötzlich wieder.

Dann war es vielleicht nie zuerst Fachkräftemangel.

Dann war es Filterversagen.

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