Sophie fliegt zum ersten Mal von Berlin nach Panama und entdeckt, dass ihr Vater hier ein Leben führt, von dem sie bislang nur die flachen Ausschnitte aus Videoanrufen kannte. In Tocumen fühlt sich die Hitze körperlich an. Auf der Straße nach Chepo überwältigt das Land ihre Sinne. Auf der Finca machen Esteban und fünf Pferde den Ort wirklich. Nachts schreit ein Potoo aus den Bäumen, und Sophie schickt eine kurze Nachricht nach Hause.
Berlin nach Tocumen. Die Wand aus Hitze. Ein Truck, der nach Pferden riecht. Eine Finca am Ende einer roten Schlammstraße. Der Potoo, der in der Nacht schreit.
In Schönefeld kauft Papa mir eine Flasche Wasser, die mehr kostet als das Mittagessen in der Schule, und sagt kein Wort dazu. Daran merke ich, dass er nervös ist. Normalerweise bemerkt er alles: Preise, Ausgänge, wer nur so tut, als höre er zu, wer schon lügt. Heute prüft er nur zweimal unsere Pässe und dreimal die Anzeigetafel.
Auf dem langen Flug von Amsterdam liest er ein Buch über verteilte Systeme, das aussieht, als sei es eigens dafür entworfen worden, Freude zu verhindern. Ich tue so, als sähe ich einen Film. Wir verhandeln über die Armlehne wie Diplomaten und erwähnen nicht, dass wir beide viel zu wach zum Schlafen sind. Irgendwo über dem Atlantik wache ich unter einer Decke auf, die ich nicht selbst hingelegt habe. Er ist noch wach und starrt an dem Sitz vor ihm vorbei.
Ich bedanke mich nicht. Er fragt nicht. Manchmal sind wir sehr deutsch.
Panama kommt zuerst als Luft.
Die Flugzeugtür öffnet sich, und die Hitze kommt herein, als gehöre ihr das Flugzeug. Meine Brille beschlägt. Meine Haare geben sofort auf. Meine Jeansjacke wird zum dekorativen Gepäckstück. Papa lacht leise und sagt: „Willkommen“, als wäre das normal.
Bei der Einreise bricht mein Schulspanisch in Echtzeit zusammen. Seins nicht. Er antwortet dem Beamten mühelos, und plötzlich sehe ich eine Version von ihm, die ich bisher nur aus stummgeschalteten Anrufen hinter einer Gästezimmertür in Berlin kannte. Der Beamte stempelt meinen Pass. Das Geräusch ist klein. Das Gefühl nicht.
Vor der Gepäckausgabe hat die Hitze Gewicht. Sie riecht nach Regen, Treibstoff und frisch geschnittenem Grün. Papa zeigt auf einen Pickup und sagt: „Der Truck steht da drüben.“ In Berlin leiht er sich vernünftige Autos. In Panama besitzt er Geräte für Schlamm.
Der Truck riecht nach Leder, Staub, Kaffee und Pferdezeug. Im Getränkehalter liegen Münzen und eine rätselhafte Schraube. Das Armaturenbrett hat einen Riss. Nichts davon entschuldigt sich.
Papa kurbelt die Fenster herunter und sagt, er wolle, dass ich „richtig ankomme“. Der Wind ist heiß und nass und kühlt nichts. Er verteilt nur den Schweiß neu. Durch die Stadt, dann die Vororte, dann weiter nach Osten sehe ich zu, wie Panama sich von Beton in Vegetation mit Ambitionen verwandelt. Ranken klettern an Masten hoch. Blätter verschlucken Zäune. Obststände ziehen in Farben vorbei, die ich nicht benennen kann.
In Berlin wirkt Papa immer halb abgereist. Hier sitzt er fest in seinen eigenen Schultern. Er grüßt in Chepo einen Mann mit zwei Fingern vom Lenkrad, als kenne diese Straße ihn.
Dann endet der Asphalt.
Die rote Schlammstraße streitet mit der Schwerkraft und gewinnt beinahe.
Am Ende: ein bescheidenes Haus mit Terrasse, zweckmäßigen Fenstern, Stiefeln vor der Tür und einem Schlauch, der dort wartet, wo ihn jemand mitten im Gedanken fallen gelassen hat. Keine Inszenierung. Keine kuratierte Landhausfantasie. Nur ein Ort, an dem jemand lebt, wenn niemand zusieht.
Esteban wartet am Zaun, mit Strohhut und Gummistiefeln, einem von der Sonne gezeichneten Gesicht und von Werkzeugen geformten Händen. „Don Stefan“, sagt er. Papa antwortet, als habe diese Begrüßung schon hundertmal stattgefunden. Dann: „Mi hija, Sophie.“ Esteban tippt an seinen Hut und sagt: „Bienvenida.“ Mein „Gracias“ kommt mit Berliner Akzent.
Auf der Weide hinter ihm stehen fünf Peruanische Pasos still und sehen uns an, als wüssten sie schon, wie diese Geschichte ausgeht.
Drinnen ist das Haus schlicht, sauber und brauchbar. Ein Schreibtisch am Fenster. Ordentlich zusammengebundene Kabel. Ein Ventilator, der in meinem Zimmer wie ein störrisches Metronom klappert. Rosa hat Abendessen dagelassen: Reis, Bohnen, Kochbananen, Huhn. Auf der Terrasse stürzen sich die Insekten ins Licht, während die Weide im Schwarz verschwindet.
Die Geräusche der Nacht sind kein Hintergrund. Sie sind Architektur.
Dann schreit etwas in den Bäumen.
Ich lasse beinahe die Gabel fallen. Papa sagt, ärgerlich gelassen: „Potoo.“ Er sagt „Vogel“ so, wie Menschen „Wetter“ sagen, als erkläre das alles.
Später im Bett schreibe ich Mama:
Angekommen. Alles gut. Ist heiß. - S.
Der Ventilator klickt. Draußen schreit der Potoo wieder. Panama hat immer noch zu viel Gewicht. Aber jetzt ist es nicht mehr gewichtslos.